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7.05 - Was ist und was sein wird by Nadia, Anna Lena, Mona

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There's a feeling in the air, it's beginning to look like Christmas everywhere.
Hear the gentle sounds of the snowflakes trickle down without a care.
People stop and stare, the Christmas tree is there, a star on the top which nothing can't compare.



22. Dezember 2008

Joey sah sich suchend um. Wie sollte sie nur zwischen all diesen Menschen Pacey finden? Der Flughafen von Boston war überfüllt und die Luft war stickiger als jemals zu vor. Joey ging ein Stückchen in die Menge, doch sie war sich sicher, Pacey in dieser Masse nie zu entdecken. Sie seufzte und lockerte ihren braunen Wollschal, um nicht zu ersticken.

Schließlich kramte Joey in ihren Rucksack, auf der Suche nach ihrem Handy. Vielleicht hatte Pacey ja angerufen und sie hatte es nicht gehört! Doch auf dem Display war kein Brief angezeigt, was bedeutete, keiner hatte angerufen. Frustriert ging Joey ein paar Schritte weiter. Das machte Pacey doch sonst nicht!

Seit dem Anfang dieser New York/Capeside Beziehung hatte er sie nicht einmal warten lassen und Joey hätte auch nie im Traum daran gedacht, ihn warten zu lassen! Die Leute um sie herum wurden weniger. Plötzlich entdeckte sie endlich Pacey.

Er kam auf sie zugestürmt. »Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir echt leid, es tut mir sooo leid!« Pacey drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. »Ich werde dich nie, nie wieder warten lassen, aber ich musste noch dein Weihnachtsgeschenk besorgen!«

»Ach echt?« Joey musterte ihn suchend. »Wo ist es denn?«

»Im Auto, unter meinen Sitz geklemmt, und wehe du siehst nach!«, sagte Pacey streng und nahm ihr den Koffer ab.

Joey nahm ihrerseits seine freie Hand und die beiden schlenderten dem Ausgang entgegen.

»Das Geschenk ist echt krass«, begann Pacey Joey zu ärgern.

»Ach ja? Gib mir einen Tipp. Wie sieht es aus?!« Joey ließ sich auf das Spielchen ein, neugierig wie sie war.

Pacey schmunzelte. »Es ist groß, aber wenn man es mit einem Auto vergleicht, ist es ziemlich klein. Es kann weder sprechen, noch ist es lila.«

Joey gab sich eingeschnappt. »Warum krieg ich dieses Jahr kein Auto in lila, das spricht?!?«

Das Paar verließ den Flughafen. Die Luft war kühl, doch die beiden ließen sich Zeit zum Wagen zu kommen.

»Weißt du, was das Beste an diesem Weihnachten ist?« Pacey sah Joey an.

Joey lächelte. »Dass du mich mit meinem Weihnachtsgeschenk quälen kannst, das ich erst in drei Tagen aufmachen darf?!«

»Nein, mein Schatz, dass Schönste ist, dass ich mit dir feiern darf.« Pacey lächelte. Die beiden blieben stehen und küssten sich lange.

»Das hast du süß gesagt«, meinte Joey, als die beiden weitergingen, Hand in Hand, wie das verliebte Paar, das sie ja waren.

»In den letzten Jahren und Tagen ist so viel schiefgelaufen, aber jetzt ist wieder alles in Ordnung. Amy kann bei Jack bleiben, Dougie lebt jetzt mit Jack zusammen, du und Dawson redet normal miteinander - wenn man das so nennen kann - und wir sind glücklich«, setzte Pacey eines oben drauf und lächelte triumphierend: »Ich bin der Meister des Süßholzraspelns, findest du nicht auch?«

Joey lachte. Die beiden kamen bei Paceys Auto an und stiegen ein. Er startete den Motor und die beiden fuhren los.

Joey beugte sich nach unten. »Kann ich das Geschenk so vielleicht sehen?«

»Auf keinen Fall«, meinte Pacey bestimmend und schob Joey wieder nach oben.

Joey lachte vergnügt.

~*~

Erschöpft stellte Andie McPhee die schweren Einkaufstaschen in der Küche ab. Mittlerweile war ihr Nase rot und sie war froh, endlich wieder daheim zu sein. Den ganzen Vormittag hatte sie damit zugebracht, die letzten Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Natürlich wusste sie, dass sie spät dran gewesen war, doch trotzdem hatte sie nicht vermutet, so lange mit dem Einkaufen beschäftigt zu sein.

Nachdem sie ihren Mantel und den Schaal ausgezogen hatte, kochte sie sich einen heißen Tee, denn noch immer war sie ziemlich durchgefroren.

Mit roten Wangen pfiff sie zu den Weihnachtsliedern, die gerade im Radio liefen und machte sich nun daran die Geschenke einzupacken, damit sie noch pünktlich abgeschickt werden konnten.

Für ihre Freunde in Capeside Geschenke zu besorgen war ziemlich einfach gewesen, denn ihnen konnte man leicht eine Freude machen und außerdem war sie ja gerade in Capeside gewesen.

Für Sasha ein passendes Geschenk zu finden, war weit schwieriger gewesen. Ein bisschen sorgenvoll sah sie aus dem Fenster, an das der Regen prasselte. In Deutschland hatte es bisher noch immer nicht geschneit, dafür regnete es pausenlos.

In den ganz normalen Geschäften hatte sie einfach nichts für Sasha finden können. Irgendwie musste sie sich noch inspirieren lassen, wenn sie am Heiligabend nicht ohne Geschenk dastehen wollte.

Seufzend wandte sie sich wieder dem Geschenk von Jack zu und bemerkte gar nicht, wie hinter ihr die Wohnungstür geöffnet wurde.

»Hallo Liebes«, ertönte die dunkele Stimme von Sasha hinter ihr und ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Obwohl sie ihre Probleme hatten, zauberte seine Anwesenheit bei ihr noch immer ein Lächeln aufs Gesicht. »Packst du Weihnachtsgeschenke ein?«

Mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck faltete Andie das Geschenkpapier sorgfältig und knotete eine kunstvolle Schleife zum Abschluss.

»Hey, wie lief es in der Agentur?«, erkundigte sich Andie, nachdem sie sich umgedreht hatte und ihn ansah.

»Danke, ganz gut. Ich bin extra früher nach Hause gekommen.«

»Dann können wir ja heute Abend etwas zusammen unternehmen«, meinte Andie freudig und strahlte ihn an.

Mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck gestand Sasha ihr: »Es tut mir leid, aber heute Abend ist doch das Geschäftsessen mit einem der wichtigen Käufer.«

Enttäuscht schaute Andie auf ihre Hände und meinte dann: »Und ich dachte, wir machen mal wieder etwas zusammen. Wenigstens in der Weihnachtszeit.«

Bedauernd schaute Sasha sie an: »Es tut mir wirklich leid, Liebes. Aber du weißt ja, dass wir in der Weihnachtszeit wieder meine Eltern besuchen müssen und außerdem wollte dein Vater doch auch noch vorbeikommen.«

Mit einem traurigen Gesichtsausdruck stand Andie auf und ging zu Sasha hinüber. Dieser nahm sie in die Arme und sagte: »Wenn wir irgendwo anders wären, könnten wir auch vieles anders machen. Aber du weißt, dass meine Eltern darauf bestehen, dass wir sie an Weihnachten besuchen.«

Doch der letzte Satz interessierte Andie gar nicht. »Du meinst, wenn wir woanders wären, hätten wir mehr Zeit für uns?«, überlegte sie gedehnt.

Sasha antwortete mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Wenn du es so sagen willst, hast du recht.«

Freudig blickte Andie ihn an und meinte dann: »Dann habe ich schon ein passendes Weihnachtsgeschenk für dich.«

Neugierig musterte ihr Freund sie und fragte dann mit einem Welpenblick: »Verrätst du es mir?«

Doch Andie blickte ihn nur mit einem freudigen Lächeln an. »Wenn ich es dir jetzt verrate, dann ist es keine Überraschung mehr. Lass dich einfach ... überraschen.« Damit ging sie zur Gardarobe und nahm ihren Mantel und ihren Schaal erneut in die Hände und verabschiedete sich von Sasha. »Ich muss eben noch etwas besorgen. Bis nachher.«

»Aber die Geschenke«, rief ein verdatterter Sasha ihr nach. Unschlüssig blickte er die ins Schloss gefallenen Tür an. Sollte er ihr nachgehen? Doch dann besann er sich eines Besseren und legte sich auf die Couch, um noch ein bisschen auszuspannen, bevor er abends wieder losmusste.

~*~

Derweil betrat Andie ein Reisebüro, das auch schon auf Weihnachten eingestellt war. Überall sah man Kataloge und Plakate mit Ski-Gebieten und Holzhütten mit Kaminen. Mit einem freudigen Lächeln blickte sich Andie um. Vor einem Katalog mit einer kleinen Holzhütte, aus deren Schornstein Rauch kam, blieb sie stehen und blickte ihn sich an.

Wenn sie so schon nicht miteinander reden und etwas unternehmen konnten, mussten sie halt ein paar Tage Urlaub machen. Vielleicht würden die Idylle und die einfachen Sachen ihrer Beziehung auch wieder helfen. Obwohl sie noch immer zusammenwohnten, hatte ihre Beziehung einen gewaltigen Knacks bekommen, nach dem Mittagessen im Restaurant, dass sie weinend verlassen hatte.

In ihrem Innersten hoffte Andie, dass dieser kleine Urlaub ihre Beziehung wieder festigen würde, denn obwohl Sasha sich schon gebessert hatte, war sie noch nicht wirklich glücklich und zufrieden. Nachdem sie sich einen Zielort ausgesucht hatte, ging sie mit einem Lächeln auf die Reiseverkehrskauffrau zu.

~*~

Im Hintergrund lief schon den gesamten Morgen über Weihnachtsmusik. Dawson hatte Gale diese Doppel-CD mit den schönsten Songs der großen Stars, wie Bing Crosby, Frank Sinatra, Dean Martin, Mahalia Jackson und duzende weitere, im letzten Jahr geschenkt. Als 'Im dreaming of a white Christmas' begann, fing sie an mitzusingen. Schon seit sie denken konnte, war dies eines ihrer Lieblingslieder gewesen.

Jason tauschte einen von Lächeln untermalten Blick mit Lilly, während sie damit beschäftigt waren, Ausstechförmchen in den ausgewellten Teig zu pressen. Dann sangen auch sie mit.

Gale kam von der anderen Seite der Küche zu ihnen herüber, eine Tasse mit Eigelb in der einen Hand und bunte Streusel in der anderen. Sie begann die fertig ausgestochenen Teigformen auf ein vorgefettetes Blech zu legen, bestrich sie mit Eigelb und verzierte sie zuletzt mit den bunten Streuseln, wobei ihr Lilly half, nachdem sie den Teig so weit mit Jason verunstaltet hatte, dass dieser neu geknetet und gewellt werden musste.

»Mommy, wird Dawson auch kommen?« Lilly sah ihre Mutter mit großen blauen Augen an.

»Aber natürlich wird er kommen, Schatz.«

»Super!«, rief die Kleine und strahlte vor Freude. »Bestimmt hat er mir wieder ein ganz besonderes Geschenk gekauft.«

Gale sah ihre siebenjährige Tochter an. »Dawson hat es höchstens bei Santa Claus bestellt, Süße. Er wird die Geschenke bringen, so wie in jedem Jahr.«

»Gary hat erzählt, dass es Santa nicht gibt. Und da ich ihn noch nie gesehen habe, glaube ich ihm.«

»Wer ist Gary?«, erkundigte sich Jason und wechselte einen besorgten Blick mit seiner Frau.

»Ein Junge in meiner Klasse«, antwortete ihm Lilly. »Er hat gesagt, dass sein großer Bruder ihm erzählt hat, dass Eltern das immer nur sagen, um uns Kinder zu erpressen, damit wir brav sind. Es gibt keinen Santa, keinen Schlitten, keinen Sack und auch keine Weihnachtselfen.«

Gale dachte einen Augenblick nach. »Dawson hat dir doch selbst letztes Jahr gesagt, dass er immer noch an Santa glaubt, obwohl er ihn noch nie gesehen hat. Glaubst du diesem Gary mehr, als deinem eigenen Bruder?«

»Ich weiß, ihr wollt, dass ich daran glaube, weil ihr denkt, dass Weihnachten so noch mehr Zauber hat als sonst. Und das ist wirklich lieb von euch, aber ich freue mich auch so darauf, ohne dass ich erwarte, dass ein dicker alter Mann die Geschenke unter unseren Baum legt.«

Verblüfft sahen sowohl Gale wie auch Jason das kleine Mädchen an, das klang, als sei es viel älter als sieben Jahre.

»Und bitte«, fügte Lilly noch hinzu, »bittet nicht Pacey oder sonst wen, sich meinetwegen in ein Santa Kostüm zu zwängen, nur um mich eines Besseren zu belehren.«

Jason wollte etwas zu ihr sagen, doch er schloss den Mund wieder, als er den entschlossenen Blick des Mädchens sah. Seufzend blickte er zu Gale, die außerstande war, etwas anderes zu tun als Lilly beinahe fassungslos anzusehen.

~*~

Angespannt wartete Doug darauf, dass auf der anderen Seite der Hörer abgenommen wurde. Er hoffte, dass Pacey zu Hause und nicht irgendwo mit Joey unterwegs war, denn er brauchte den Rat seines kleinen Bruders nun dringender denn je. Noch viel dringender als damals sogar, als er am Neujahrsmorgen vor einem Jahr plötzlich nackt neben Jack aufgewacht war. Und das war ein ziemlich großer Schock für ihn gewesen, schließlich war das noch vor seinem Coming-Out geschehen.

Endlich wurde das Gespräch angenommen. »Ja?«, meldete sich Pacey und klang ein wenig gehetzt.

»Hi, kleiner Bruder«, grüßte Doug zurück. »Kommt mein Anruf sehr ungelegen?«

»Nicht wirklich, nein. Ich bin nur eben gerade zur Tür reingekommen.« Kurze Stille, dann: »Moment mal kurz, Dougie.« Pacey drehte den Hörer vom Mund weg, doch Doug konnte ihn trotzdem sprechen hören. »Joey, würdest du uns einen Kaffee aufsetzen?«

»Klar«, hörte Doug dann gedämpft ihre Stimme aus dem Hintergrund.

»So, bin wieder da. Wir waren etwas spazieren und draußen ist es verdammt kalt geworden.«

»Wem sagst du das, Pace ... Weshalb ich anrufe«, begann er zurück zum Thema zu kommen. Nach Smalltalk war ihm jetzt irgendwie nicht. »Ich überlege seit mehreren Wochen, was ich Jack zu Weihnachten schenken könnte, aber mir will einfach nichts einfallen.«

Pacey dachte einen Augenblick nach und sagte dann scherzhaft: »Wie wäre es mit Plüschhandschellen und ...«

»Kannst du mal ernst bleiben, bitte!« Doug klang leicht genervt.

»Okay, schon gut«, grinste Pace. »Etwas zu lesen. Ich glaube, dass er als Lehrer gerne liest.«

»Das tut er, aber das heitert ihn nicht auf. Und ich möchte ihn gerade jetzt aufmuntern.«

Wieder überlegte Pacey und meinte dann nach einigen schweigsamen Sekunden voller Enthusiasmus: »Wie wäre es mit einer Reise? Flieg irgendwo mit ihm hin, wo es schön sonnig ist und er ein Weilchen abgelenkt ist. Nur ihr beiden ...«

»Und was mache ich bitteschön mit Amy?«, fragte Doug, dem der Vorschlag an sich schon gefiel.

»Ich würde sie ja nehmen, aber im Augenblick läuft das Restaurant auf Hochtouren, da kann ich nicht einfach ein paar Tage zu Hause bleiben ... Du könntest doch Gale bitten«, schlug Pacey schließlich vor. »Sie leitet das Fresh Fish ohnehin meist von zu Hause aus, wegen Lilly. Und da Lilly zurzeit Ferien hat und nicht zur Schule geht, ist Gale eh daheim.«

»Meinst du, ich kann sie einfach so fragen?« Doug war etwas unsicher. Nicht weil er dachte, dass Amy bei Gale nicht gut aufgehoben war, sondern weil er Angst hatte, dass sie 'ja' sagen würde, es ihr aber nicht wirklich recht war. Gale neigte ab und an dazu zu nett und zuvorkommend zu sein. Die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen. Und er wollte das nicht ausnutzen.

»Frag' sie doch einfach. Es würde doch schon ausreichen, wenn ihr für ein verlängertes Wochenende wegfliegt.«

Doug nickte, sagte jedoch nichts. Noch etwas sprach gegen diesen spontanen Kurzurlaub. »Ich weiß nicht so recht, ob wir uns das leisten können ...«

»Ich leihe dir das Geld, Dougie. Ist doch kein Problem.«

»Ich weiß aber nicht, wann ich es dir zurückgeben kann«, gestand Doug. »Wir sind jetzt zwar nahezu schuldenfrei, aber dennoch müssen wir sparsam sein.«

»Wirklich, das ist kein Problem. Du gibst mir das Geld einfach in kleinen Raten zurück. So wie du es entbehren kannst.«

Wieder herrschte einige Zeit Stille. Dann seufzte Doug und meinte letztlich: »Okay, Pace. Danke! Ich schulde dir was.«

»Schon okay, Bruderherz. Melde dich, sobald das mit Gale geklärt und die Reise gebucht ist, okay?«

»Ja, okay. Vielen Dank nochmals«, wiederholte sich Doug unbewusst.

»Nichts zu danken. Bis demnächst. Bye.«

»Ja, bye«, damit legte Doug lächelnd den Hörer auf. Er bekam ein richtig schlechtes Gewissen, wenn er daran dachte, wie mies er Pacey früher immer behandelt hatte. Besonders, weil Pacey immer für ihn da war. Gut, er hatte ihn als Teenager aufgezogen, doch war das nicht normal? War es nicht normal den großen Bruder bis zur Weisglut zu ärgern? Und es war ja noch nicht einmal so, dass Pacey damals irgendwelchen Mist erzählt hatte. Vielmehr war er der erste gewesen, dem Dougs damals heimliche Neigung aufgefallen war. Pacey war eben schon immer ein cleveres Kerlchen gewesen, wie Doug jetzt nach all den Jahren offen zugeben musste.

Noch einmal dankte er Pacey im Stillen und entschloss sich fest dazu, in der Mittagspause bei Gale vorbeizufahren, um sie zu fragen, ob sie Amy für ein paar Tage bei sich aufnehmen würde.

~*~

Im Strandhaus herrschte Ruhe und Frieden. Jack saß alleine im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Diese unerträgliche Stille brachte ihn noch um den Verstand! Er lehnte sich zurück in die Sofakissen und massierte seine Schläfen. Keine Amy schrie, kein Doug räumte die Küche auf ... und keine Jen ließ sich über irgendeinen Typen aus ...

Jack stöhnte gequält und stand auf. Er durchquerte das Wohnzimmer, ging unruhig hin und her, versuchte sich abzulenken, doch es funktionierte nicht. Wenn Doug oder Amy oder einer seiner Freunde da war, konnte er den fröhlichen Jack fabelhaft spielen, doch nun, wo er ganz alleine war, konnte er nicht so tun, als wäre nichts passiert. Er konnte sich selber ja nur schlecht was vormachen.

Das Haus war weihnachtlich geschmückt. Jack hatte Amy ein paar Weihnachtslieder vorgesungen und ihr erklärt, wie das so mit Santa war, doch in Wirklichkeit raubte ihn dieser Weihnachtskram noch den letzten Nerv!

Sein Blick fiel auf ein ledernes, grünes Fotoalbum. Mit zitterigen Fingern griff er danach, ließ sich aufs Sofa fallen und öffnete zögerlich das Album. Das erste Foto war von ihm und Jen. Daneben stand geschrieben »Aufgenommen von Dawson ,Spielberg' Leery, ich und Jen am Bootsteg».

Jack lächelte. Kurz nachdem Dawson geknipst hatte, hatte Jack Jen ins Wasser geschubst. Er hörte noch heute ihr herzliches, fröhliches Lachen. Für manche Menschen musste es so vorkommen, als hätte Jennifer Lindley nie gelacht. Doch Jen hatte oft gelacht und Jack liebte ihr Lachen, so wie alles andere an ihr.

Er blätterte auf die nächste Seite. Es waren Bilder von einen Tag, an dem Joey, Pacey, Dawson und er bei Jen übernachtet hatten. Auf dem ersten Foto machte Jen Spiegeleier, auf dem nächsten bekam sie von Jack ein Küsschen auf die Wange und dann war da ein Gruppenfoto, das Dawson sehr professionell aufgenommen hatte - mit Selbstauslöser, und Dawson war sehr stolz gewesen, dass das so gut geklappt hatte.

Auf der nächsten Seite war ein Foto, das Pacey ziemlich schief gemacht hatte. Jen, Grams und Jack saßen auf dem Sofa, Jen mit einer Nikolausmütze auf dem Kopf. Daneben stand »Weihnachten bei Jen und ihrer Großmutter - Besser hätte es nicht sein können.«
Jack seufzte und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Es war ein richtig traditionelles Weihnachtsfest gewesen, sie hatten gefeiert wie eine richtige Familie.

Alle Bilder in dem Album waren von Jen und Jack, und natürlich auch von Grams und der Clique.
Schließlich schloss Jack das Album, er konnte den Anblick dieser ganzen Fotos nicht mehr ertragen. Vorsichtig legte er es zurück auf seinen Platz und lehnte sich ans Fenster.

Immer noch war diese Stille so unerträglich, doch der Schmerz war größer geworden.

»Oh Gott...«, murmelte er leise und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Klar, es fielen ihm beim Betrachten der Fotos immer wieder die schönen Augenblicke ein. Wie der Sommer im letzten High-School Jahr, oder als er sich mit Jen wieder vertragen hatte, nachdem sie sich wegen der Verbindung im ersten College Jahr auseinandergelebt hatten.

Er entdeckte ein Foto von Jen auf dem Couchtisch, dass neben dem Fotoalbum stand. Er ging darauf zu und nahm es. Es war ein älteres Foto, das Jen in ihrer Cheerleader-Uniform zeigte.

Jack musste lachen, obwohl ihm nach weinen zumute war. Er setzte sich wieder auf das Sofa. Immer, wenn er sich an die guten Augenblicke erinnerte, fiel ihm ein, dass solche Augenblicke rarer geworden waren, seit Jen gestorben war. Auch wenn ihr Tod schon einige Monate zurücklag, er vermisste sie trotzdem Tag für Tag. Grams hatte recht, ein Teil von Jen würde für immer bei ihm bleiben und ihn beschützen. Und dann war ja noch Amy da.

Jack drehte den Rahmen um und zog ein Foto von Amy hervor, das im Rahmen geklemmt hatte. Amy hatte gerade versucht, ihre ersten Schritte zu machen. Sie war so süß, sie war sein kleiner Engel. Auch wenn Jen nicht mehr lebte, fühlte er sie trotzdem, alles erinnerte ihn an sie - was ja auch manchmal gut war, wenn er sich nach ihrem Gesicht sehnte, auch wenn er nur ein Foto ansehen konnte.

~*~

23. Dezember 2008

Pfeifend schnitt Gale gerade die Kartoffeln in dünne Scheiben, als ihr Mann mit der letzten Kiste Getränke das Haus betrat. »So, das war's erst mal. Ich glaube über die Feiertage werden wir nicht verdursten«, stellte er fest.

Gale drehte sich zu ihm um und meinte scherzhaft: »Na da unterschätz mal Bodie und Dawson nicht.« Auf dem Gesicht ihres Mannes erschien ein Lächeln und er schlang seine Arme um ihre Hüfte.

»Willst du deinen Sohn etwa als Trinker hinstellen?«, meinte dieser dann und küsste ihren Hals.

Lachend drehte sich Gale mit dem Messer in der Hand um und sah ihren Mann an. »Ich dachte da eher an das Wasser.« Sie küsste ihn leicht auf die Wange und meinte schließlich: »Wir können gleich essen. Sagst du bitte Lilly Bescheid?«

Doch in diesem Moment kam ihre kleine blonde Tochter schon zur Tür hinein und das mit einem Gepolter, das die beiden zusammenfahren ließ. »Hallo! Da bin ich!«

Mit einem Seufzen erwiderte Jason: »Das haben wir gemerkt. Mein Herz ist fast stehen geblieben.« Doch Lilly sah ihn nur lachend an und so fragte er sie: »Wo warst du denn wieder? Ich frage mich wirklich, wie man sich so schmutzig machen kann.«

Nun drehte sich auch Gale um und als sie sah, in welchem Aufzug Lilly in der Küche stand, meinte sie streng: »Nun geh dich mal erst waschen. Aber zackig. Wir wollen gleich essen.«

Die Kleine zog eine Schnute, ging dann aber doch folgsam in das Badezimmer.

Seufzend guckte Gale zum Fenster heraus. Ihr Blick blieb an etwas oder jemandem hängen und Jason folgte ihrem Blick. Draußen mühten sich ihre neuen Nachbarn mit dem Weihnachtsbaum ab.

»Woran denkst du?«, fragte er leise seine Frau und legte seinen Arm um ihre Schulter. Verlegen schüttelte Gale mit dem Kopf und erwiderte: »Ich habe gerade nur gedacht, wie einsam es für die Beiden sein muss. Schließlich kennen sie noch niemanden. Wenn man gerade erst hierhergezogen ist.«

»Lade sie doch einfach ein«, schlug Jason nun vor und biss in eine Möhre, die Gale gerade klein geschnitten hatte.

Doch dies bemerkte sie gar nicht, denn ihre Augen waren noch immer auf Ashley und Justin fixiert. »Meinst du wirklich?«, fragte sie zweifelnd. »Vielleicht wollen sie gar nicht kommen. Schließlich kennen wir uns auch noch nicht.«

Doch ihr Mann sprach ihr gut zu. »Gerade eben hast du noch gesagt, dass es bestimmt schrecklich für sie sei, dass sie niemanden kennen. Wenn wir sie einladen, lernen sie wenigstens ein paar Leute kennen.«

Zustimmend nickte Gale und gab ihrem Mann einen Kuss auf den Mund. »Danke, Schatz.«

Dieser lächelte sie an, doch im nächsten Moment sah er Gale verwundert an, da sie ihm auf die Finger gehauen hatte. »Ich habe wohl gesehen, dass du genascht hast. Und was für Lilly gilt, gilt auch für dich.«

Jason musste ein bisschen lachen und im nächsten Moment erschien auch seine Stieftochter schon wieder. »Gibt es endlich essen?«

~*~

Nach dem Mittagessen und nachdem der Abwasch erledigt war, machte Gale sich zu den Nachbarn auf. Noch immer war sie sich nicht ganz sicher, aber gleich würde sie ja ein bisschen Klarheit haben.

Sie stieg die altbekannten Treppenstufen hinauf und klingelte dann. Nach wenigen Sekunden wurde ihr die Tür von Ashley geöffnet. Ein bisschen überrascht begrüßte diese sie: »Hallo, Mrs. Leery. Kommen Sie doch rein.«

»Hallo, Ashley. Dankeschön«, bedankte sich Gale bei ihr.

Als die beiden Frauen die Küche betraten, entdeckte Gale auch sofort Justin, der in der Küche die Zeitung las. »Hallo, Justin!«

Dieser blickte genauso überrascht wie seine Frau, einige Sekunden vorher, von seiner Zeitung auf und erwiderte den Gruß.

Ashley bot Gale einen Sitzplatz an und fragte dann: »Möchten Sie vielleicht etwas trinken?«

»Nein, danke. Weswegen ich eigentlich komme ... ich wollte Sie beide einladen, den morgigen Abend mit uns zu verbringen.«

Erwartungsvoll sah sie die Beiden an und auch die zwei sahen sich an. Justin war der erste, der seine Sprache wiederfand. »Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen überrascht.«

Seine Frau nickte zustimmend und sofort fuhr Gale erklärend fort: »Mein Mann und ich haben bloß gedacht, dass Sie vielleicht ein bisschen Gesellschaft gebrauchen könnten, da Sie ja noch nicht so lange in Capeside wohnen.«

Mit einem Lächeln setzte sich Ashley neben ihren Mann und sagte: »Das ist wirklich nett von Ihnen. Aber ist es Ihnen nicht ein bisschen unangenehm? Schließlich kennen wir uns noch gar nicht so gut und ich möchte nicht, dass Sie sich unwohl fühlen.«

Abwinkend schüttelte Gale mit ihrem Kopf und meinte: »Aber nein, ansonsten hätte ich Sie ja nicht eingeladen. Außerdem freuen wir uns, Sie mal richtig kennen zu lernen.«

»Dann freuen wir uns auch schon darauf. Wann sollen wir denn kommen?«, fragte Ashley, nachdem sie einen Blick mit Justin ausgetauscht hatte und dieser anscheinend einverstanden war.

»Ich denke so gegen 19.00 Uhr wäre okay. Dann habe ich auch genug Zeit mit dem Essen«, überlegte Gale und blickte die Beiden an.

»Sollen wir vielleicht etwas mitbringen?«, erkundigte sich Ashley schnell und ein bisschen unangenehm berührt, da sie nicht eher daran gedacht hatte. Ihr Mann drückte ihr beruhigend die Hand und Gale verneinte ihre Frage letztlich.

Schließlich seufzte diese und meinte: »Ich muss dann auch schon wieder gehen. Schließlich findet man immer wieder etwas zum Dekorieren.«

»Natürlich«, erwiderten Ashley und ihr Mann und sie begleiteten ihre Nachbarin zur Tür. »Danke nochmals für die Einladung«, bedankten sich die beiden, als Gale sich auf den Weg machte.

»Kein Problem. Bis Morgen!«

Das Ehepaar stand in der Tür und winkte Gale noch einen Moment nach, bevor sie wieder ins Haus verschwanden. Mit einem Lächeln ging Gale zurück. Sie war froh, die beiden eingeladen zu haben.

~*~

Joey schlenderte den kleinen Weg entlang, der den Fluss entlang führte. Die Luft war kalt, doch Joey fror nicht. Sie liebte das Gefühl, dass sie wieder zu Hause war.

Sie fühlte sich wie das kleine Mädchen, das gerade auf den Weg zu ihrem besten Freund Dawson war. Gerade hatte sie noch bei Bessie und Bodie vorbeigeschaut und nun war sie auf einen Spaziergang durch ihre Kindheit. Wie oft war sie mit neun Jahren diesen Weg entlang gekommen?

Pacey hatte sich angeboten mitzukommen, doch Joey brauchte diesen ruhigen Spaziergang, sie musste ihre Heimat genießen.

Wenn sie einmal sterben würde, wäre sie am liebsten hier am Fluss begraben. Dann würde sie dort liegen, wo sie am liebsten war. New York war toll und Joey hatte sich alle ihre Träume erfüllt - Einen guter Job, ein geregeltes Leben - aber ihr fehlte die Familie. Nicht nur Bessie, sondern vor allem auch Pacey und die Leerys.

Plötzlich ertönte das monotone Piepsen ihres Handys.

»Ach verdammt«, fluchte Joey und holte ihr Mobiltelefon aus der Jackentasche. »Ja?«, fragte sie etwas sauer ins Handy. Sie hatte gar nicht erst aufs Display geschaut, wer sie anrief.

»Hey, Joey! Ich bin's Dawson«, kam es vom anderen Ende der Leitung.

Joeys Mine hellte sich sofort wieder auf. »Hi, Dawson! Was gibt's?« Sie setzte sich auf eine Bank am Gehweg und betrachtete den Fluss, während sie Dawsons Stimme lauschte.

»Ich wollte nur fragen, ob du über die Feiertage ins gute, alte Capeside kommst?«, erklärte Dawson den Grund seines Anrufs.

Joey lächelte sonnig. »Ich bin schon im guten, alten Capeside und betrachte den winterlichen Fluss ... Erinnerst du dich, wie wir hier den Film mit Pacey, dem Seeungeheuer, gedreht haben?«

Dawson musste lachen: »Oh Gott, das wollte ich eigentlich verdrängen ... Treffen wir uns morgen?«

»Klar! Morgen ist doch Weihnachtsmarkt, stimmt's?«, fragte Joey.

Dawson antwortete schnell. »Ja, ja, wir könnten uns doch dort treffen!«

»Klingt gut«, Joey lächelte wieder.

»Am großen Christbaum, morgen um halb zehn?«, hakte Dawson nach.

»Klar. Da dürfte ich wach sein.« Joey nickte.

»Als ob du jemals verschlafen würdest«, kam es leise von Dawson. Die beiden schwiegen betreten.

Schließlich meinte Joey mit belegter Stimme: »Also bis morgen. Mach's gut.«

»Bye«, verabschiedete Dawson sich.

Die beiden legten auf und Joey blieb noch ein Weilchen auf der Bank sitzen. Nach einigen Minuten begann sie jedoch zu frieren und stand langsam auf. Sie setzte ihren Weg fort und fühlte sich wie vor Jahren, als sie sich auf jedes Treffen mit Dawson und Pacey gefreut hatte, wie auf ihren Geburtstag.

Doch sie war nicht mehr vierzehn oder fünfzehn, sie war inzwischen fünfundzwanzig und erwachsen! Er war ebenfalls erwachsen und dadurch war alles so unendlich kompliziert geworden.

~*~

Vorsichtig schüttelte Joey ihren Regenschirm aus, bevor sie das Apartment von Pacey betrat. Auf den letzten Metern bis zur Haustür hatte es noch angefangen zu regnen. Zum Glück hatte sie einen Regenschirm dabei gehabt.

Der Spaziergang durch Capeside hatte ihr gut getan und als dann auch noch Dawson angerufen hatte, war ihre Stimmung nochmals gestiegen. Natürlich hatte sie sich gefreut, dass ihr alter Freund sich bei ihr gemeldet und sich mit ihr verabredet hatte. Genauso wie sie, wollte also auch er die alte Tradition aufrecht erhalten.

Langsam machte sie die Haustür auf und als ihr die warme Luft entgegen schlug, atmete sie erleichtert auf. Also war Pacey schon zu Hause und nicht mehr im Restaurant.

»Pacey, ich bin wieder da!«, rief sie während sie ihren Mantel und ihren Schaal auszog. Im nächsten Moment erschien Pacey in Türrahmen zur Küche.

»Hey, mein Schatz. Ich koche gerade.« Damit verschwand er wieder in der Küche und Joey folgte ihm.

Als sie die Küche betrat, wehte ihr ein angenehmer Essensgeruch entgegen. Schnuppernd hob sie ihre Nase und blickte Pacey über die Schulter, wobei sie sich auf Zehenspitzen stellen musste.

Sie rieb ihre Nasenspitze in die Halsbeuge und im nächsten Moment schrie Pacey entsetzt auf. »Weißt du eigentlich, dass deine Nase eiskalt ist?«

Doch Joey erwiderte nur lachend: »Nein, ich spüre sie nämlich fast nicht mehr.«

Schließlich drehte sich Pacey um und küsste sie sanft auf die Nasenspitze. »Besser?«

Ein zärtliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und sie schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund. In Momenten wie diesen, wusste sie, warum die Nachricht, die sie ihm gleich überbringen würde, richtig und gut war.

Nachdem die beiden sich wieder voneinander gelöst hatten, hob Joey den Topfdeckel an und fragte neckend: »Was hat der Meisterkoch heute zubereitet?«

»Das werden Sie gleich sehen, Miss Potter.«

Beide lächelten sich an und Joey begann den Tisch zu decken.

»Wie war dein Spaziergang?«, erkundigte sich Pacey mit einer etwas lauteren Stimme, denn er hatte gerade die Abzugshaube angeschaltet.

»Es war einfach herrlich mal wieder in Ruhe spazieren zu gehen. In New York hat man ja immer die vielen Autos und Straßenbahnen und so weiter. Es tat wirklich gut«, berichtete ihm Joey und fuhr dann fort: »Dawson hat mich übrigens auch angerufen.«

Vorsichtig probierte Pacey ein bisschen des Abendessens und fragte dann sogleich: »Wie geht es ihm?«

Joey stellte die letzten Teller auf den Tisch und auch Pacey brachte die Töpfe. Danach setzten sich die beiden an den Tisch und schließlich antwortete Joey ihm: »Ach, er hat wohl noch ein bisschen Stress mit der letzten Folge vor Weihnachten. Aber auf jeden Fall kommt er über die Feiertage auch nach Capeside.«

Nickend erwiderte Pacey, nachdem er Joey etwas aufgetan hatte: »Dann werden wir ihn ja schon in zwei Tagen wiedersehen.«

»Genau genommen wollten Dawson und ich mich morgenfrüh auf dem Weihnachtsmarkt treffen. Unsere alte Tradition.«

Doch Pacey blieb erstaunlich gelassen. Was Joey immer noch etwas verwunderte, denn sie wurde in solchen Momenten immer wieder an die großen und vielen Streitereien von früher erinnert. Paceys Eifersucht Dawson gegenüber, aus Angst sie irgendwann doch an ihn zu verlieren. Dabei war das für Joey nach all den Jahren kein Thema mehr. Sie und Dawson hatten ihre Chance gehabt – mehrere sogar – doch es hatte nicht sein sollen. Sie waren die besten Freunde, Seelenverwandte für Leben, aber keine Liebenden.

»Ich habe sowieso noch etwas im Restaurant zu tun. Die letzten Vorbereitungen für die Feiertage müssen noch getroffen werden.«

Schweigend aßen beide weiter, doch nach einigen Minuten fragte Joey zweifelnd: »Bist du dir sicher? Dawson hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du mitkommen würdest.«

Lächeln legte Pacey seine Hand auf ihre und sagte: »Joey, das ist eure Tradition und ihr solltet sie auch alleine weiterleben. Ich habe wirklich viel zu tun. Außerdem sind wir beide nicht mehr siebzehn Jahre alt und haben uns, denke ich, weiter entwickelt, so dass ich keine Angst mehr haben muss, dass Dawson dich mir wegnimmt.«

Joey lächelte ihn an und beugte sich dann über den Tisch, um ihn zu küssen.

»Ich vertraue dir nämlich«, fügte Pacey noch hinzu und dieser Satz ließ Joey ganz schmelzen.

»Ich liebe dich, Pace.«

Nun musste auch Pacey lächeln und strich ihr mit einer Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Schweigend aßen beide weiter, doch nach ein paar Minuten hellte sich Joeys Miene wieder auf und sie schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf: »Ich bin so vergesslich. Jetzt habe ich dir die wichtigste Sache noch immer nicht erzählt.«

»Es gibt noch etwas Wichtigeres, als dass du mich liebst?«, meinte Pacey spöttelnd und bekam dafür einen bösen Blick von Joey zugesandt, der aber nicht ernst gemeint war.

»Möchtest du die Neuigkeit nun wissen oder nicht?«, lachte Joey und ihre Augen blitzten beckend auf.

»Aber klar«, nickte Pacey ihr zu.

»Okay,« begann Joey, nahm noch einen Schluck Wasser, bevor sie endlich mit der Neuigkeit herausrückte. »Ich habe noch einen Anruf bekommen und zwar von meiner Abteilungsleiterin.«

»Ja, und?«, fragte Pacey gedehnt und erwartungsvoll.

»Sie hat die Verlagschefin endlich erreicht und meint, dass meine Chancen ganz gut stünden, dass ich in absehbarer Zeit von Capeside aus arbeiten könne.«

Ein freudiges Lächeln erschien auf Paceys Gesicht und man sah ihm an, dass er Joey am liebsten umarmt hätte, was wegen dem Tisch ein bisschen schlecht war.

Doch Joey erzählte noch weiter: »Die Chefin muss alles noch regeln und so, halt der Papierkram, aber wenn alles klappt, kann ich zum nächsten Jahr von Capeside aus arbeiten.«

Nun konnte Pacey nur noch strahlen und beugte sich über den Tisch, um Joey zu küssen. Immer wieder trafen sich ihre Lippen und schließlich saßen sie sich Stirn an Stirn gegenüber, beide außer sich vor Freude.

»Ich glaube, dass ist das Beste was uns in letzter Zeit passiert ist.«

Zustimmend nickte Joey und mit ihrer freien Hand strich sie ihm über die Wange. »Stimmt. Ich glaube, jetzt kann nur noch alles besser werden. Wir können endlich zusammenziehen.«

Nochmals küsste sie Pacey auf den Mund und genoss das prickelnde Gefühl, das sich in ihr ausbreitete.

~*~

Jack lag auf seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Beine weit von sich gestreckt.

Er sah schwarze Linien, die sich entlang der Zimmerdecke zu bewegen schienen. Sie schlängelten sich unkontrolliert über das matte Weiß, wie eine Schlange, die sich durch den Sand in der Wüste fortbewegt. Natürlich wusste er, dass er durch das Weiß an der Decke seine eigene Netzhaut sah, dass diese Linien lediglich kleine Adern in seinen Augen waren. Adern, die Blut transportieren. Blut, welches letztlich zu seinem Herzen floss. Instinktiv fasste er sich an sein Herz und wurde mit einem Mal wieder an Jen erinnert, deren noch so junges Herz sie im Stich gelassen hatte. Mehr noch, hatte ihr Herz auch dafür gesorgt, dass das Blut nicht mehr richtig weitergepumpt wurde, sodass ihre Lungen schließlich ihren Dienst versagt hatten.

Seufzend schloss er die Augen, verbann somit aufkommende Tränen, und erinnerte sich an den Tag zurück, als die Welt für ihn noch in Ordnung gewesen war, ja sogar perfekt zu sein schien.

»Entschuldigen Sie, Ma'am«, sprach er hastig eine Krankenschwester mittleren Alters an, die ihr dunkles Haar zu einem altmodischen Dutt hochgesteckt trug.

Sie drehte sich zu ihm um. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie freundlich.

»Ich suche Jennifer Lindley. Sie hat mich vor einigen Minuten angerufen und hergebeten. Ist sie schon im Kreissaal?«

»Ah, ja, Sie sind also Ihr Ehemann?«

»Nein, das nicht«, sagte Jack ehrlich.

»Der Kindsvater?«

»Ich werde der Patenonkel. Darf ich jetzt bitte zu ihr?«

»Da muss ich erst noch mal Rücksprache halten«, erklärte sie und missachtete dabei Jacks nervösen Gesichtsausdruck.

»Bitte machen Sie schnell, sonst bekommt sie das Baby ohne mich.«

»Nur die Ruhe, junger Mann, so schnell kommt kein Kind zur Welt«, beschwichtigte ihn die Krankenschwester. »Warten Sie hier, ich bin gleich zurück.«

Mit diesen Worten entfernte sich die Schwester von ihm und eilte den Gang hinab, um kurz darauf in einem der dortigen Zimmer linkerhand zu verschwinden.

»JACK!«

Er erschrak jämmerlich, als er ihre Stimme durch die Gänge hallen hörte und rannte los, in die Richtung, in die auch die Schwester gegangen war. Plötzlich tauchte diese wieder auf und winkte ihn hastig in das Zimmer. Noch ehe er Gelegenheit bekam irgendwas zu sagen, wurde ihm ein grüner Kittel entgegen gehoben und ein Mundschutz.

»Ziehen das schnell an«, sagte die Schwester. Damit eilte sie auch schon wieder hinüber zu Jen, die auf einem befremdlichen 'Sessel' saß, die Beine gespreizt und mit vor Schmerzen verzerrtem Gesicht zu ihm sah.

Sie streckte ihre Hand nach ihm aus und bemühte sich zu lächeln. »Ich habe ... schon Presswehen«, sagte sie keuchend.

»Schon?« Hastig zog er alles an und ging zu ihr, nahm ihre Hand und gab ihr durch den Mundschutz einen Kuss auf die Stirn.

»Ich hatte Angst, du schaffst es nicht mehr.«

»Jetzt bin ich da«, lächelte er und sah zu ihren Beinen hinab, vor denen eine junge Ärztin saß, ebenfalls in steriler Kleidung.

Sie sah zu den Beiden auf. »Gleich kommt noch eine«, warnte sie Jen vor.

Und tatsächlich, die Wehe ließ nicht lange auf sich warten. Jack zuckte ein wenig zusammen, als er Jens Gesichtsausdruck sah, bevor sie aus Leibeskräften zu pressen begann.

Immer noch hielt er ihre Hand in seiner und sie drückte mit aller verbliebener Kraft zu. Dann als die Wehe vorbei war, lockerte sich der Griff und sie sagte kaum hörbar: »Ich schaffe das nicht, Jack.«

»Doch, das schaffst du. Du bist stark, Liebes. Die stärkste Frau, die ich kenne. Und bald hast du es geschafft. Dann darfst du dein Baby endlich sehen und im Arm halten.« Er strich ihr eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn.

Vier weitere Presswehen waren noch nötig, dann sagte die Ärztin: »Gut, der Kopf ist da. Jetzt noch einmal kräftig pressen, dann sind die Schultern draußen und das Schlimmste ist vorbei.«

»Komm' schon, Jen!«, feuerte Jack sie an und drückte wieder ihre Hand. Sie erwiderte den Druck unter Schmerzen, presste und keine Minute später hob die Ärztin das Baby hoch.

»Es ist ein Mädchen«, sagte sie lächelnd. »Und sie sieht sehr gesund aus. Ich gratuliere!«

Unter Tränen lächelten sowohl Jen wie auch Jack und sahen hinüber zu dem neuen Erdenbürger. »Wir waschen sie noch und ziehen ihr was an, dann gehört sie ganz Ihnen.«

»Ich wusste, dass du es schaffst«, sagte Jack, nahm den Mundschutz runter und drückte Jen einen kleinen Kuss auf den Mund. »Du bist meine Heldin.«

Sie sah erschöpft von dem 'Sessel' zu ihm auf. »Danke, dass du gekommen bist.«

»Um nichts in der Welt hätte ich mir dieses Erlebnis nehmen lassen, Süße!« Er lächelte und sah hinüber zu Jens Tochter. »Für welchen Namen hast du dich jetzt eigentlich entschieden? Du hast dich doch entschieden?«

Sie war sich lange nicht sicher gewesen, doch sie nickte und sah ebenfalls hinüber zu ihrem Baby. »Ihr Name ist Amy. Amy Evelyn Lindley.«

»Da wird Grams sich freuen. Bestimmt steht sie schon draußen und wartet ganz aufgeregt. Ich habe sie von unterwegs angerufen.«

»Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde«, sagte Jen mit dünner Stimme und schloss bedächtig die Augen. Sie war vollkommen geschafft ...


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